Eine Frage der Wahrnehmung – Ursula Heermann-Jensen

Die künstlerische Position der in Berlin lebenden Künstlerin Ursula Heermann-Jensen ist klar umrissen, wenn sie sagt: „In meiner künstlerischen Arbeit suche ich danach, den Dingen und Phänomenen, die mich umgeben, auf den Grund zu gehen. Ich orientiere mich in der Darstellung nicht an den Oberflächen und dem primär Sichtbaren, sondern an den Wirkungen, die hinter der Oberfläche verborgen sind und die ich nach vorne treten lasse. Für mich sind dies vor allem Komplexität und Verdichtung im Kontrast mit Transparenz und filigraner Struktur.“
Nicht also das oberflächlich Sichtbare reizt Ursula Heermann-Jensen an einem Motiv, sondern das, was sie hinter dieser sichtbaren Welt wahrnimmt und erspürt. Dieser besonderen Form der Wahrnehmung entspringen eindrucksvolle Werke, in denen Licht und die Kraft der Farben eine ganz besondere Rolle spielen.

Ursula Heermann-Jensen beim Malen
Die Künstlerin Ursula Heermann-Jensen bringt in der klassischen Schichtenmalerei mit Acrylfarben zarte Lasuren auf die Bildträger. (Foto: Madeleine Thomsen)

Farbräume von großer Intensität

Die gebürtige Stuttgarterin lebt und arbeitet seit 2008 in Berlin. Ihr lichtdurchflutetes Atelier befindet sich in Europas größtem denkmalgeschützten Industriegelände an der Spree in Oberschöneweide, dort im Atelierhaus79.
Die thematischen Schwerpunkte der Künstlerin sind nach eigenen Worten „Licht und Schatten“. In Werken wie „Sommer“ aus der Serie „Shadows“ scheint tatsächlich das flirrende Licht dieser Jahreszeit in leuchtenden Farben eingefangen zu sein. 

Gezeigt wird das in Rottönen gehaltene Werk „Sommer 2011“, Acryllasur auf Holz, Diptychon. (Foto: Ursula Heermann-Jensen)
Aus der Serie Shadows „Sommer 2011“, Acryllasur auf Holz, Diptychon, 2 x 100 x 70 cm. Allen Arbeiten der Serie ist gemeinsam, dass nur die 3 Grundfarben Rot, Gelb und Blau verwendet werden. (Foto: Ursula Heermann-Jensen)

Dieses Spiel der Farben und die raffinierte Führung des Lichts sind der altmeisterlichen Lasurtechnik geschuldet, die Ursula Heermann-Jensen jedoch nicht mit Öl- sondern mit Acrylfarben anwendet. Denn wie die Alten Meister bringt sie zarte Lasuren in der klassischen Schichtenmalerei auf die jeweiligen Bildträger.
Alle verwendeten Farben stellt die Künstlerin aus hochwertigen Pigmenten und Malmitteln selbst her. Die Farben werden dann sehr dünnflüssig in weit mehr als hundert Lasurschichten – wie Mehrfachbelichtungen – mit dem Pinsel auf die Bildträger (Papier, Leinwand, Holz, Aluminium) aufgetragen. 

Malen nur mit Grundfarben

Da die Künstlerin dabei ausschließlich auf die Grundfarben Rot, Gelb und Blau zurückgreift und diese lediglich in Einzelfällen mit Weiß ergänzt, entstehen auf diese Weise Farbräume von großer Intensität und Leuchtkraft. Diese Farbräume bleiben dabei aufgrund der angewandten Lasurtechnik bei aller Intensität transparent. Wie wichtig Ursula Heermann-Jensen das Thema Farbe ist, wird auch in weiteren Statements der Künstlerin deutlich.
Die Themen meiner Bilder entwickeln und entfalten sich zusammen mit ihrer Farbigkeit. Die Sujets sind auch Aspekte und Manifestationen der Grundfarben in Dingen, Phänomenen und Abstraktionen; Farbigkeit und Thema stehen miteinander in einem spannungsreichen Dialog.“

Das Triptychon „Ciel J’en rêve“ aus der Serie Shadows (Foto: Ursula Heermann-Jensen)
Das Werk „Ciel J’en rêve“ aus der Serie Shadows, Acryllasur auf Leinwand, Triptychon, 3 x 180 x 60 cm. (Foto: Ursula Heermann-Jensen)

Acrylserien in Lasurtechnik

Ihre Serien sind daher häufig bestimmten Farbtönen gewidmet. Die Intensität der Farben ist dabei das erste, was der Betrachter ihrer Werke wahrnimmt – das Geflecht von Formen und die Tiefen in der Darstellung eröffnen sich erst dem intensiver Schauenden.

Ursula Heermann-Jensen, "Unterwegs IV", Acryllasur und Holzschnitt auf Papier.
"Unterwegs IV", Acryllasur und Holzschnitt auf Papier, 50 x 70 cm.
Die maritime Szene aus Ursula Heermann-Jensens Serie "Unterwegs" entstand mithilfe eines Holzschnitts. (Foto: Ursula Heermann-Jensen)
"Unterwegs II", Acryllasur und Holzschnitt auf Leinwand, 70 x 90 cm. (Fotos: Ursula Heermann-Jensen)

In der Serie „Unterwegs“ hat Ursula Heermann-Jensen die Thematik von Flucht, Vertreibung und Heimatlosigkeit aufgegriffen. Sie möchte mit ihrer künstlerischen Arbeit wie viele andere Menschen auch Stellung beziehen. Als zentrales Ausdrucksmittel hat sie hierbei einen Holzschnitt gewählt, den sie nach einer Fotografie ihres Elternhauses gefertigt und dann umgekehrt als Druckstock verwendet hat. Was also einmal der Giebel eines schützenden Daches gewesen ist, verwandelt sich so in den ins Wasser ragenden Teil eines Schiffes. 

In der Serie „Quitte – Rosengewächs“ wendet sich die Künstlerin Ursula Heermann-Jensen wieder der Naturbetrachtung zu und bildet eine Quitte im Prozess der Blüte, Reife und des Vergehens ab. (Foto: Ursula Heermann-Jensen)
In der Serie „Quitte – Rosengewächs“ zeigt die Künstlerin den Prozess der Blüte, Reife und des Vergehens. Acryllasur auf Papier, Zeichnung mit Liner, 70 x 50 cm. (Foto: Ursula Heermann-Jensen)

Intensive Auseinandersetzung mit der Natur

In der Serie „Quitte – Rosengewächs“ wendet sich die Künstlerin wieder der Naturbetrachtung zu, möchte aber auch hier nicht einfach abbilden, sondern in den Arbeiten den Prozess der Blüte, Reife und des Vergehens zum Ausdruck bringen. Die besondere Herangehensweise der Künstlerin kommt auch bei diesen Arbeiten zum Tragen. Ausgangspunkt ist die intensive Auseinandersetzung mit Frucht und Baum. Deren verinnerlichte Form und Gestalt gelangt in weiteren Mal- und Zeichenprozessen als „ Essenz des Gegenstandes“ zur Darstellung. Die zur Anwendung kommende Technik ist Mischtechnik mit Acryllasur, Tusche und Liner. Die Künstlerin hat hier die Zeichnung als „Blindzeichnungen“ angefertigt und so ihre Reflektion der eigentlichen Substanz des Motivs ins Bild gebracht.

Thema der Serie „Networking“ schließlich ist die Dualität, die allen Netzwerken eigen ist, seien es ein Spinnennetz oder eine menschliche virtuelle Gemeinschaft. Für Ursula Heermann-Jensen sind dies Farbstärke und –dichte auf der einen und Fragilität und Transparenz auf der anderen Seite.

Gezeigt wird das Bild der Künstlerin Heermann-Jensen „ohne Netz und doppelten Boden“, eine Acryllasur auf Leinwand. (Foto: Ursula Heermann-Jensen)
Aus der Serie Networking „Ohne Netz und doppelten Boden“, Acryllasur auf Leinwand, 100 x 150 cm. (Foto: Ursula Heermann-Jensen)

Farbe und Sujet als Einheit

Allen Serien ist gemeinsam, dass Farbe und Sujet eine untrennbare Einheit miteinander eingehen und sich gegenseitig beeinflussen. Ganz so, wie Ursula Heermann-Jensen es eingangs formuliert hat, entfalten sich die Themen ihrer Bilder zusammen mit deren Farbigkeit.
Auf die Frage, was ihr Kunst generell bedeutet, antwortet Ursula Heermann- Jensen abschließend : „Kunst hat für mich eine inhaltliche, handwerkliche und ästhetische Dimension. Inhaltlich beschäftigt mich die Vielschichtigkeit dessen, was ist. Handwerklich unterstützen die von mir verwendeten Techniken die inhaltliche Aussage. Ästhetisch darf Schönheit sein, ohne dass diese reine Oberfläche ist“.

Ursula Heermann-Jensen (Foto: Georg Krause)
(Foto: Georg Krause)

Ursula Heermann-Jensen

Bildende Künstlerin

Pariser Str. 19
10707 Berlin
Telefon: 030/88727589
Mobil: 0172/7424210

Atelierhaus79 Wilhelminenhofstraße 83-85, Gebäude 79, Atelier Nr. 3,
12459 Berlin-Oberschöneweide

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4 Antworten auf „Eine Frage der Wahrnehmung – Ursula Heermann-Jensen“

  1. Ich bin sehr beeindruckt von der starken Ausdruckskraft bei gleichzeitiger zarter und gefühlvoller Komposition der Elemente in den Bildern. Mir gefallen die starken Farben und die Harmonie im Ausdruck – schlicht: ich bin begeistert.

  2. Liebe Ursula,
    mich fasziniert deine Technik und besonders finde ich deine Arbeit „Ohne Netz und doppelten Boden“. Die vielen Knotenpunkte, die Entscheidungswege zu sein scheinen, geben ein Netz von Möglichkeiten preis, die ein einzelner Mensch kaum bewältigen kann.
    Einen schönen Tag auch an die Betreiberinnen des Blogs,
    Susanne

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