Realismus in Pastell – Im Gespräch mit Susanne Mull

In Deutschland gehört Susanne Mull zu einer der wenigen
freischaffenden Künstlerinnen, die sich der Pastellmalerei zugewandt haben. Denn im Gegensatz zu Frankreich, Großbritannien oder den USA sind Material wie Technik hierzulande eher stiefmütterlich behandelt und „künstlerisches Randthema“ mit Seltenheitswert. Daher ist es umso spannender, an dieser Stelle bei KUNSTschön einen genaueren Blick auf die eindrucksvollen realistischen Werke der Künstlerin Susanne Mull zu werfen.

„Als zeitgenössische Künstlerin folge ich mir selbst.“

Susanne Mull, Die Wirtin
Susanne Mull, "Die Wirtin" (Hommage à Manet), Pastell, 68 x 115 cm, 2018.

Einzigartige Symbiose von Zeichnung und Malerei

Die hierzulande etwas in Vergessenheit geratene Technik der Pastellmalerei ermöglicht Werke von atmosphärischer Dichte. Dies wird schnell deutlich, wenn man sich den Werken von Susanne Mull widmet. Sie selbst bezeichnet ihre Malerei als „realistisch-narrative Malerei“.
Susanne Mull möchte „unsere Zeit spiegeln und berühren“. Letzteres passt als Begriff hervorragend zu einer Technik, die ich persönlich ganz stark mit Haptik und samtiger Konsistenz verbinde. Denn das wichtigste Werkzeug bei der Pastellmalerei sind tatsächlich die Finger des Künstlers.

Susanne Mull, Rheinhessen No. 25
Susanne Mull, "Hommage an Rheinhessen No. 25", Pastell, 2012.
Susanne Mull, Rheinhessen No 4
Susanne Mull, "Hommage an Rheinhessen No. 4", 40 x 60 cm, Pastell, 2012.

Susanne Mull kann die von ihr gewählten Materialien an einer Hand abzählen: ihre Finger, Schaumstoffpinsel und Knetradierer. Durch den direkten Kontakt spürt man die samtige Konsistenz des Pastellstaubs auf den Malgrund unmittelbar. Und wie bei keinem anderen Malmedium geht man als Künstler hier eine sensorische Verbindung mit Material und Malgrund ein. Hinzu kommt, dass man anders als bei den wasservermalbaren Farben oder der Ölmalerei an keine lästigen Trocknungszeiten gebunden ist. Schicht um Schicht lassen sich die Pastelle unmittelbar übereinander legen und zu samtigen Farbübergängen verwischen oder eine Art Lasureffekt erzielen.

Susanne Mull Malen
Susanne Mull beim Malen
Mull, Fischhändlerin
Susanne Mull, "Fischhändlerin", 70 x 112 cm, Pastell, 2018.

Leuchtkraft pur dank Farbpigmenten

Susanne Mull mischt bei ihrer Arbeit Farben nur sehr begrenzt und arbeitet additiv. Die außerordentliche Leuchtkraft der Pastelle rührt von ihrer Zusammensetzung her: reines Pigment und ein Minimum an Bindemittel. Bei einigen Herstellern gesellt sich hier noch ein Anteil von Kreide hinzu. Aber es sind letztlich die hochkonzentrierten Pigmente, die eine intensive Farbwirkung und einen außergewöhnlich starken Farbauftrag ermöglichen. Und gerade in der Landschaftsmalerei zu ausdrucksstarken und vor allem stimmungsvollen Kompositionen führen. Pastelle erlauben es wie kaum ein anderes Medium, die Atmosphäre einer Landschaft oder die haptische Körperlichkeit von Oberflächen nachzuempfinden.

Susanne Mull, Rhein
Susanne Mull, "Rhein", 53 x 66 cm, Pastell, 2016.

Die Empfindung des Augenblicks

Susanne Mulls Werke sind sowohl ein Bekenntnis zur Ästhetik der Natur als auch zum Zauber des Augenblicks. Die Lichtstimmung in ihren Werken nimmt den Betrachter unmittelbar gefangen und führt ihn in einem Spaziergang mit den Augen durch das Bild. Susanne Mull nennt nicht von ungefähr die Arbeiten von William Turner, Caspar David Friedrich und Edward Hopper als künstlerische Einflüsse.
Lieblingsfarben kennt die Künstlerin übrigens nicht, aber sie zitiert eine goldene Regel von Richard McKinley aus einen Workshop in den USA: „Value does the work – color get’s the glory“. Susanne Mull folgt dem Eindruck. Kopfarbeit und der Entstehungsprozess eines Bildes lassen sie dabei kreativ werden.

Mull, Dünen
Susanne Mull, "Dünen", 59 x 79 cm, Pastell, 2016.
Mull, Sand und Priel
Susanne Mull, "Sand und Priel", 58 x 78 cm, Pastell, 2012.

„Sobald ich weiß, wie es in meinem Bild weiter geht,
bin ich glücklich und ganz bei mir.“

Arbeiten kann Susanne Mull tatsächlich überall, wenn auch die Arbeitsatmosphäre je nach Phase des Entstehungsprozesses unterschiedlich geprägt sein kann: Stille, ein Hörbuch oder Musik und auch ein schlafender Hund können maßgeblich sein. Und ganz pragmatisch gedacht Wärme, „damit die Finger beweglich bleiben.“

 

Susanne Mull

Susanne Mull

www.susanne-mull.de
info@susanne-mull.de


Susanne Mull hat zwei erwachsene Kinder – „das letzte Kind im Haus hat Fell“ – teilt gerne ihre Kochkunst und geht mit Hund spazieren oder fährt Fahrrad. Sie liebt modernes Ballett.

Workshops und Malreisen mit Susanne Mull

Die Künstlerin mag die Atmosphäre in den Kursen – konzentrierte Stille und nur die Geräusche des Farbauftrags auf rauem Grund erfüllen das Atelier. Sehr gerne gibt sie ihr Wissen weiter und freut mich über jeden, der dabei seine Passion für die wunderbare Pastellmalerei entdeckt.

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