Kunst macht …

In ihrem Blog Gestatten Kunst – Dein Weg durch den Bilderwald hat es sich die Kunsthistorikerin Esther Klippel zur Aufgabe gemacht, ihren Leserinnen und Lesern das klassische Rüstzeug der Kunstgeschichte an die Hand zu geben. Dabei setzt sie sich – immer mit einem Augenzwinkern – auch mit der Rolle der Kunst in unserer heutigen Welt und ihrer Wirkung auf uns auseinander.
Esther Klippels Beitrag „Kunst macht …“ ist ein humorvoller Versuch der Einordnung.

KUNST macht GEBILDET

Das erklärt sich von selbst. Heißt ja nicht umsonst „Bildende Kunst“.

KUNST macht ZUFRIEDEN

Es gibt genug Künstlerbiografien, mit denen man (und frau) nicht tauschen möchte: van Gogh wurde verrückt, Caravaggio wurde sein halbes Leben lang als Krimineller verfolgt, Rembrandt starb verarmt. Frauen hatten in der Kunst sowieso lange Zeit keine Schnitte und mussten sich Anerkennung und Respekt für ihre Arbeit oft hart (und dennoch erfolglos) erkämpfen. Im Vergleich dazu kommen einem eigene Probleme doch gleich viel weniger
essentiell vor.

KUNST macht SEXY

Sie beweist, dass Schönheit nie feststehende Kriterien hatte. So kommen wir zu der befriedigenden Erkenntnis: „Ich passe zwar nicht ins heutige Schönheitsideal, aber vor soundsoviel Jahrhunderten wäre ich ein absoluter Knaller gewesen.“ Da fühlt man sich doch gleich viel besser.

Anne Louis Girodet-Trioson: Liegender Akt
Anne Louis Girodet-Trioson: Liegender Akt auf einem Divan (Detail), ca. 1793, Metropolitan Museum of Art, New York (wikimedia commons).

KUNST macht VERRÜCKT

Ernsthaft! Das als Stendhal-Syndrom bekannte Phänomen ist nach dem französischen Schriftsteller benannt, den es bei seinem Besuch von Florenz 1817 erwischte und danach von weiteren Intellektuellen und Reisenden beschrieben wurde. Die Ballung von herausragender Kunst und Architektur in der Stadt scheint dabei die Sinne der Betroffenen so zu überfluten, dass sie Herzrasen, Ohnmacht, Halluzinationen, Panikattacken und mehr entwickeln.
Solltet Ihr eine Reise nach Florenz planen: Besser zwischendurch immer mal wieder einen Blick in die nächste Gelateria werfen.

van Gogh, Selbstporträt mit verbundenem Ohr
Vincent van Gogh: Selbstporträt mit verbundenem Ohr, 1889, Courtauld Gallery, London (wikimedia commons).

KUNST macht SCHÖN

Sie kann uns verzücken. Das spiegelt sich dann auf unserem Gesicht wider. So einfach geht’s. Wenn also Geld und Zeit fürs Spa nicht reichen: ab ins Museum!

Bernini, heilige Theresa
Giovanni Bernini: Die Verzückung der heiligen Theresa (Detail), 1645-52, Santa Maria della Vitoria, Rom, Livioandronico 2013/Wikipedia (wikimedia commons).

KUNST macht WACH

Zum Beispiel, wenn der Alarm piepst, weil man, versunken im Audio-Guide, zu nah an das Werk gekommen ist. (Video-)Installationen sind nicht selten laut und/oder fordern einen auf, in irgendeiner Weise aktiv zu werden. Manchmal erschrecken oder überraschen uns Kunstwerke und holen einen aus dem Trott, mit dem man durch eine Ausstellung trabt. (Mein Hallo-Wach-Erlebnis vor ein paar Jahren: In einer Ausstellung des Künstlers Pierre Huyghes stand unvermittelt der weiße Hund mit rosa gefärbtem Vorderlauf vor mir, den ich erst kurz zuvor in einem Video gesehen hatte.)

Thomas Kilpper, Installation Švicarija
Thomas Kilpper: Installation in Švicarija, Ljubljana, Biennale für Graphische Kunst, 2013, Foto: Urška Boljkovac(wikimedia commons).

KUNST macht SCHARF

Mindestens unseren Blick. Aber auch ihrer erotischen Darstellungen wegen (s. dazu auch Punkt 3). Da kann man noch einiges lernen! Ruhig mal auf dem Sofa und/oder vor dem Spiegel ein paar Posen üben!

KUNST macht AGGRO

Kann passieren. Kunstwerke im öffentlichen Raum werden regelmäßig besprüht, umgekippt, kaputtgemacht. Auch die Liste von Anschlägen auf Gemälde mit Säure, Messern, Farbe ist lang. Interessanterweise gehen die Täter in zweitem Fall dabei gar nicht mal gegen besonders provokative Werke vor. Oft aber auf berühmte Werke, wie die Mona Lisa, Bilder von Dürer o. ä. . Vermutlich, weil das mehr Aufmerksamkeit erzeugt. Kleiner Trost: Sie entscheiden sich für gemalte, statt lebendige Personen…

KUNST macht SCHLANK

Gehirn wie Gehapparat werden beim Ausstellungsbesuch gleichermaßen gefordert. Das verbraucht doppelt Kalorien! 

Verwilt, Mann mit Hund
François Verwilt (zugeschrieben): Mann, mit einem Hund tanzend, ca. 1640-60, Reichsmuseum, Amsterdam (wikimedia commons).

KUNST macht NIX

„Die will nur spielen“. Ganz so ist es natürlich nicht. Entgegen langläufiger Vorstellungen schöpft kein Künstler aus einem ewigen Quell der Inspiration, der einfach so aus ihm heraus auf die Leinwand, in den Marmor, das Schreib-, Notenpapier oder sonst wohin fließt. Auch werden die wenigsten Kreativen ihre Berufung als spaßigen Zeitvertreib empfinden. Das Kunstwerk selbst ist
außerdem erst einmal nur ein lebloses Ding aus verschiedenen Materialien, Tinte auf Papier etc. Solange keiner da ist, der es betrachtet, liest, hört, macht es tatsächlich nix. Es wird erst dann existent, wenn wir es beachten.

Danke Esther!
Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog von Esther Klippel:

Gestatten Kunst – Dein Weg durch den Bilderwald

Mit ihrer freundlichen Erlaubnis haben wir ihn hier leicht verändert noch einmal gepostet.

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