German Roamers – Foto-Streifzug durch Deutschland

Erst vor kurzem fiel mir ein Gedicht meines Schwiegervaters in die Hand. Es trägt den Titel „Eine Minute“. Passt ja gut in unsere schnelllebige Zeit, ging es mir durch den Kopf. Und nachdem ich es gelesen hatte, beschloss ich spontan, auf KUNSTschön das Buch „German Roamers – Deutschland neue Abenteurer“ aus dem Dumont Reiseverlag vorzustellen.
Doch zunächst der Auslöser, das Gedicht:

Eine Minute
Ich nehme mir eine Minute
und denke darüber nach,
warum liegt das Schöne und Gute
auf dieser Welt oft so brach?
Und dann fliege ich über die Hügel,
über die Felder und Wälder und Seen
und spüre es bis in die Flügel:
Deine Welt, großer Gott, die ist schön!

Horst Brendel, November 2007

Drei Bootshütten, German Roamers.
Drei Bootshütten im ersten Schnee am Kochelsee in Oberbayern. @davidnkollmann

Unverbrauchte Momentaufnahmen

Für die „Jagd nach dem besonderen Augenblick“ brauchen die Trendsetter der modernen Outdoor-Fotografie sicher etwas länger als die besagte Minute. Und fliegen tun sie schon gar nicht. Statt dessen sind sie mit ihrer Ausrüstung und Rucksäcken in Wäldern, an Seen und in den Bergen unterwegs.
In dem wunderbaren Bildband „German Roamers – Deutschlands neue Abenteurer“ gehen junge Outdoor-Fotografen auf die Jagd nach der perfekten Aussicht oder der besonderen Stimmung. Dabei ist das Besondere, dass die passionierten Instragrammer dies in Deutschland tun. Sie durchstreifen zu Fuß, mit Rucksack, Zelt und Kajak Deutschlands Landschaften, und sie machen vor allem eines deutlich: wie schön Deutschland ist mit seinen ganz unterschiedlichen Landschaften! Dies gilt für die Weite der Landschaft im hohen Norden ebenso wie für Deutschlands hügelige Mitte mit ihren Burgen, Vulkanen, dichten Wäldern oder malerischen Flusslandschaften. Und es gilt ebenso für die schroffen Gebirgslandschaften im Süden mit smaragdgrünen Bergseen, großartigen Sonnenaufgängen und sternenklaren Nächten.

Die eindrucksvollen Aufnahmen sind großformatig kombiniert und werden in kurzen Texten kommentiert.
Ein kunstvoll geknüpftes Spinnennetz und unwirklich anmutendes Licht am See: Für besondere Eindrücke muss man nicht in die Ferne schweifen! Spinnennetz und Bootsanlegesteg an der Wümme. @davidnkollmann

Die Natur in vollen Zügen erleben

„Die Roamers kultivieren einen speziellen Blick auf die Welt. Ihr Stil ist nicht digital hochglanzpoliert, sondern reduziert und unverwechselbar künstlerisch“, heißt es im Buch. Den 14 jungen Fotografen geht es nicht einfach darum, für den Instagram-Account den perfekten Augenblick einzufangen. Vielmehr wollen sie die Natur wieder ganz für sich authentisch entdecken und sie genießen. Dazu suchen Sie atemberaubende Ort und unvergessliche Momente, die sie mit ihrer Kamera festhalten, und sie gehen dafür raus. Ganz so wie mein Schwiegervater, der mit seinen 85 Jahren noch täglich und auch bei Regen unverdrossen durch die Landschaft zieht. Und dabei mit dem Herzen sieht! „Direkt vor unserer Nase finden sich umwerfende Landschaften, die man eher in fernen Ländern vermuten würde“, so beschreibt dies Max Münch, einer der German Roamers im Buch. Doch nicht nur Landschaften, Lichtstimmungen oder Naturausschnitte werden von den jungen Fotografen eingefangen, sondern auch sensible Tierporträts finden sich im Buch wieder.

Luchs aus German Roamers
Auge in Auge mit dem Luchs im Wildpark Gangelt. @livingitural

Richtiges Sehen und Konzentration auf das Wesentliche

Und beim Durchblättern glaube ich manchmal fast den Duft des Waldes wirklich zu riechen und den Nebel am Morgen auf der Haut zu spüren. Die Aufnahmen sind einfach sehr berührend. Sie erinnern mich tatsächlich an Landschaftsgemälde. Denn die Fotografen müssen genau wie die Künstler vor allem eines können: richtig sehen, das Motiv erkennen können, wenn es vor einem liegt. Sie müssen sich en plein air auf das Wesentlich konzentrieren können.

Drei Bootshütten, German Roamers.
Drei Bootshütten im ersten Schnee am Kochelsee in Oberbayern. @davidnkollmann

Am Schluss des Titels finden sich denn auch Fototipps wieder, was es dazu braucht, um wie ein Roamer zu fotografieren. Die Fotos der German Roamers werden übrigens regelmäßig bei instagram gepostet .
Gut gefallen hat mir auch das Kapitel „Unvergessliche Momente – 10 Fragen an…“. Hier gewährt jeder der 14 Fotografen auf sehr persönliche Art und Weise Einblicke in seine Motivation und Arbeitsweise.
Aufgefallen ist mir hier allerdings auch, dass keine einzige Fotografin dabei ist, und ich habe mich gefragt, warum dies so ist.
Auf diesen Seiten habe ich auch einen Satz gefunden, der mich besonders berührt hat. Vielleicht gerade deshalb, weil ich leider viel zu viel Zeit meines Lebens am Schreibtisch vor dem Computer verbringe. Zeit, die ich viel lieber draußen in der Natur verbringen würde. Der Satz stammt von dem Fotografen Roman Köngshofer, der auf die Frage, was er da draußen von der Natur gelernt habe, antwortet „Dass man sehr wenig braucht, um glücklich zu sein. Es erdet einen. Es wird einem wieder klar, was wirklich wichtig ist im Leben. Der Mensch gehört nach draußen.
Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, außer den Buchangaben für diesen wunderbaren Bildband, der das Bewusstsein dafür schärft, wie schön unsere Natur ist. Wir sollten uns alle auf den Weg nach draußen machen!

Alpenpanoramabild mit lila Wolken und dem Seealpensee beim Sonnenuntergang auf dem Nebelhorn.
Lila Wolken und der Seealpsee beim Sonnenuntergang auf dem Nebelhorn bei Oberstdorf. Ein fantastisches Alpenpanoramabild @pangea

German Roamers
Deutschlands neue Abenteurer
erschienen im Dumont Reiseverlag, 3. Auflage 2018
256 Seiten, gebunden
ISBN 978-3770188840
€ 34,90

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