Farbflash pur! Im Gespräch mit Brigitte Waldschmidt

An einem trist-trüben Wintertag besuche ich die Künstlerin Brigitte Waldschmidt in ihrem Atelier in Taunusstein. Und bekomme sogleich einen Farbflash pur. In dem Gebäudekomplex einer ehemaligen Wäscherei befindet sich ihr weitläufiges Atelier mit lichtdurchfluteten Seminarräumlichkeiten und Galerieteil. Der angesagte Industrial Style in Kombination mit den farbintensiven Werken und Objekt-Collagen der vielseitigen Künstlerin machen ganz sicher den besonderen Reiz dieser Location aus.

Intuitiv entstandene Farbflächen treffen auf gezielt eingesetzte Schraffuren. (Werk und Foto: Brigitte Waldschmidt)
Intuitiv entstandene Farbflächen treffen auf gezielt eingesetzte Schraffuren. (Werk und Foto: Brigitte Waldschmidt)

Mit den Händen denken

Britta von KUNSTschön: Brigitte, wir kennen uns seit 25 Jahren, dennoch an dieser Stelle einmal die Frage: Wie bist du denn eigentlich selbst zur Malerei gekommen?

Brigitte Waldschmidt: Ganz einfach, Malen und Sport, das waren schon immer meine besten Fächer! Schon als Schulkind habe ich an Malwettbewerben teilgenommen. Und es hat mich schon immer gereizt, aus Wenigem, oder sogar aus scheinbar nutzlosen Dingen, etwas Eigenes zu schaffen. Mit den Händen denken – das hat mir einfach von jeher Spaß gemacht.

Britta: Und wie ging es dann nach deiner kreativ-lastigen Kindheit mit DIY-Faktor so weiter für dich?

Brigitte: Der Beruf, den ich bei meinen bodenständigen und auf Sicherheit bedachten Eltern am ehesten durchbekommen konnte, war der einer Designerin. Und so bin ich dann auf die Fachhochschule Coburg in den Fachbereich Textildesign gegangen. Und war dort mit Formen und Farben gleich wieder in meinem Element!

Brigitte und ich ins Gespräch vertieft. (Foto: Brigitte Waldschmidt)
Brigitte und ich ins Gespräch vertieft. (Foto: Brigitte Waldschmidt)

Gelebte Ästhetik im Atelier

Britta: Und das ist auch so geblieben, wenn ich mich hier bei dir im Atelier so umschaue. Eine gelungene Balance zwischen einem die Kreativität beflügelnden Durcheinander und Ästhetik pur, würde ich sagen. Überall hier entdecke ich auch die bewusste Kombination von verschiedenen Werkstoffen. Zarte, filigrane Formen und grobe Texturen wechseln einander ab. Du hast zum Beispiel auch ganz gezielt das alte Mauerwerk freilegen lassen und in die Gesamtgestaltung mit eingezogen. Für dich als Künstlerin und Designerin – was bedeutet dir ein Begriff wie Ästhetik?

Brigitte: Ästhetik ist die Grundlage, die mich begeistert, die mich inspiriert und die mich daher auch im Atelier umgeben soll. Ich komme ja ursprünglich aus dem Designbereich, und Design bedeutet funktionelle Schönheit.

Dieses auf einem Claybord von Ampersand entstandene Bild ist in einer Acryllasurtechnik schichtweise aufgebaut. (Werk und Foto: Brigitte Waldschmidt)
Dieses auf einem Claybord von Ampersand entstandene Bild ist in einer Acryllasurtechnik schichtweise aufgebaut. (Werk und Foto: Brigitte Waldschmidt)

BrittaÄsthetik – ein interessanter Begriff. Kannst du näher erläutern, was er für dich und deine Kunst bedeutet?

Brigitte: Bezogen auf die Malerei bedeutet Ästhetik, dass nicht Ausgewogenheit als interessant und schön empfunden wird, sondern Polarität. Bildelemente werden in Szene gesetzt, ruhige Passagen werden gezielt mit aufregenden Details kombiniert, um Spannungsmomente zu schaffen. Scheinbar unspektakuläre Bildelemente haben so ebenfalls eine Wertigkeit, weil sie im Bild genauso wichtig sind wie die offensichtlich bildbestimmenden Werkausschnitte. Eine bloße Aneinanderreihung von auffälligen Bildelementen schwächt in ihrer Gleichmäßigkeit ein Bild eben auch ab – das Auslancieren ist wichtig.

Britta: Und wie findet man die Balance, wie vermeidet man ein Zuviel oder Zuwenig im Werk – allein durch die Erfahrung?

Brigitte: Genau, durch fundiertes und lange angewandtes Wissen. An der praktischen Erfahrung führt kein Weg vorbei. Scheinbar mühelos fällt einem in der Kunst nichts zu – mag dies auch manchmal so erscheinen, wenn man anderen bei der künstlerischen Arbeit zusieht.

Ein Blick ins Atelier in der Alten Wäscherei (Foto: Brigitte Waldschmidt)
Ein Blick ins Atelier in der Alten Wäscherei (Foto: Brigitte Waldschmidt)

Kreativitätsprozesse – eine Entdeckungsreise zu sich selbst

Britta: Kann man Kreativität erlernen? Wie hilft man ihr auf die Sprünge? Das ist ja letztlich ein grundlegendes Thema für jeden Künstler! Sich immer wieder auf neuen Wegen bewegen und eine optimistische und positive Grundhaltung zu haben ist schon mal sicher nicht verkehrt, oder?

Brigitte: Sich Basiswissen aneignen ist jedenfalls erst einmal Grundvoraussetzung. Ich kann beispielsweise nur spielerisch und im Flow unterschiedliche Techniken zur Anwendung bringen, wenn ich gar nicht mehr groß über das Wie nachdenken muss. Nur so kann ich spontan sein und mühelos auch unterschiedliche Materialien oder Techniken in einem Bild kombinieren. Aber eine Art Patentrezept für Kreativität kann ich kaum geben. Nur Anregungen, um in den persönlichen Flow zu kommen.

Britta: Die da wären?

Brigitte: Augen auf bei Spaziergängen in der Natur zum Beispiel, um Dinge richtig wahrzunehmen. Um erkennen zu können, was das Umfeld an Ideen und Inspiration so bietet – und dies abspeichern. Entweder im Gedächtnis, in einem Skizzenbuch oder auch durch Fotos, die man anfertigt und sich in einer Art digitalen Moodboard hinterlegt. Dann helfen auch klar definierte Ziele, um sich nicht in einer Arbeit zu verlieren. Und die Latte hier mit der Zeit ruhig höher hängen. Und man sollte aber auch nicht vergessen, zwischen einer Phase der Konzentration und einer offenen, empfänglichen Haltung zu wechseln. Sich Zeit für Entspannung einzuräumen und ‚kreative‘ Pausen einzulegen ist wichtig. Und ja, eine positive Grundhaltung und Begeisterungsfähigkeit sind neben Mut ganz wesentlich für die künstlerisch-kreative Arbeit! Damit beschäftige ich mich auch in meinem Buch „Inspiration erleben – Impulse für die Malerei“.

Kraftvolle, intensive Sommerfarben werden durch ein frisches Türkis und Weiß kontrastiert - so entsteht eine interessante Spannung! (Werk und Fotos: Brigitte Waldschmidt)
Kraftvolle, intensive Sommerfarben werden durch ein frisches Türkis und Weiß kontrastiert - so entsteht eine interessante Spannung! (Werk und Fotos: Brigitte Waldschmidt)

Britta: Dabei kommt dem künstlerisch schaffenden Menschen ja zu Gute, dass seine Motivation intrinsisch ist – er verbindet mit seiner Tätigkeit eben ein hohes Eigeninteresse – weil es einfach Freude bereitet und glücklich macht, die eigene Kreativität anzukurbeln und in einen Flow-Zustand zu geraten. Das kannst Du sicher auch bei deinen Seminarteilnehmern beobachten, oder?

Brigitte: Ja genau, es ist für mich selbst eine Riesenmotivation, in Dialog mit den Seminarteilnehmern zu treten. Zu erleben, wie sie regelrecht aufblühen und selbstvergessen oftmals Dinge in sich wiederentdecken, ist einfach ein sehr schönes Gefühl. Es ist mir wichtig, bei den Teilnehmern den Zugang zur eigenen Kreativität freizulegen – und jeden dort abzuholen, wo er gerade selbst steht. Ihn nicht zu verbiegen oder zum Imitieren anzuregen, sondern ihn zu einer eigenständigen Herangehensweise führen. Ganz gleich, ob diese dann gegenständlich oder abstrakt ausfällt.

Den eigenen Zugang zur Kunst finden

Britta: Das heißt, jeder kann bei dir gerne das malen, was er malen möchte – unabhängig vom Genre. Du vermittelst nicht Motive, sondern Herangehensweisen. Leitest an, das eigene Potential zu nutzen, sich selbst zu verwirklichen. Du vermittelst das notwendige Können für die künstlerischen Herausforderungen. Und für Werke ohne Vorbild. Das erfordert bei jedem auch ein gewisses Vertrauen in sich selbst. Damit sind wir dann beim so wichtigen Thema Individualität angekommen- wie sieht dies bei dir aus?

Brigitte: Ich liebe den Entwicklungsprozess eines Werks schon an sich – und bei aller Zielorientiertheit und angewandtem Wissen versuche ich mich offen zu halten, nehme auch gerne einmal Zufälligkeiten in Kauf und kultiviere diese. Ich erarbeite Bildwerke, die gegenständliche Aspekte aufnehmen, die aber auch in die absolute Abstraktion übergehen können. Ich erlaube mir bei aller Ernsthaftigkeit als freischaffende Künstlerin selbst Spielräume und bleibe spielerisch – denn Erfolgsdruck und vor allem die Angst zu Versagen sind große Hemmnisse im Atelier. Wenn sich etwas mühelos anfühlt, spüre ich hingegen, dass es gut wird!

Die übermalbare Leichtstrukturpaste wurde mit unterschiedlichsten Hilfsmitteln modelliert. (Werk und Foto: Brigitte Waldschmidt)
Die übermalbare Leichtstrukturpaste wurde mit unterschiedlichsten Hilfsmitteln modelliert. (Werk und Foto: Brigitte Waldschmidt)

Britta: Ängste und Zweifel stören den Einklang. Das selbstvergessene Arbeiten lässt ja auch wenig Raum für andere Gedanken, das ist ja gerade das Schöne an der kreativen Arbeit, richtig? Daher hast Du vorhin auch den Mut als Voraussetzung genannt. Das ist auch der Mut, sich einfach in die kreativ-künstlerische Tätigkeit fallen zu lassen. Aber ob sich der eigene Horizont erweitert oder verengt hängt eben auch davon ob, ob wir uns mit unseren Tätigkeiten auch einmal selbst aus der Komfortzone heraus bewegen. Daher eben auch das Neue zulassen in der kreativen Arbeit und hier etwas riskieren. Das sind die Spielräume für die eigene authentische Entwicklung.
Sag mal, wenn du abschließend eine Art Schlüsselsatz für dich und deine Arbeit formulieren müsstest, wie würde so ein Satz wohl aussehen?

Brigitte: Bleibe neugierig, pflege eigene Sichtweisen und habe den Mut, sie umzusetzen.

Britta: Der klassische Dreiklang also – danke für dieses inspirierende Gespräch mit Dir – und für die Farbmomente an diesem grau-tristen Wintertag!

Brigitte Waldschmidt (Foto: Frank Schuppelius)

Brigitte Waldschmidt

Künstlerin, Autorin, Dozentin
www.brigitte-waldschmidt.de

Infos zu aktuellen Kurs-Terminen auf Homepage oder
telefonisch unter 06128 – 6823.

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