Die Kraft der Zeichnung – im Gespräch mit Hans-Christian Sanladerer

Das aufregende Stadtleben hat es Hans-Christian Sanladerer angetan. Ebenso genießt er aber die idyllische Natur des Bergischen Landes, wo er lebt. Beides spricht aus seinen Skizzen – mal aufwändig ausgeführt und koloriert, mal schnelle Studie einer alltäglichen Szene. Sein Spektrum reicht von Urban Sketching über Tierzeichnungen bis zu Landschaftsdarstellungen. Und irgendwie schafft er es dabei, seine Leidenschaft für das Motorradfahren mit dem Skizzieren zu verbinden: Die Ausrüstung dazu ist auf jeder Tour dabei.

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Über Umwege zum Ziel

Gezeichnet hat Hans-Christian Sanladerer schon, seit er einen Stift halten konnte. Als Kind lag er dabei bäuchlings auf dem Boden und zeichnete selbst erdachte Geschichten. Schon damals entstand im heimischen Garmisch-Partenkirchen der Wunsch, später beruflich „irgendwas mit Gestaltung“ zu machen.
Sein Wissensdrang und seine Begeisterungsfähigkeit führten folgerichtig zu einem breiten Betätigungsfeld und einigen Wohnortwechseln.  „Mein Werdegang ist so „geradlinig“ wie die Serpentinen einer Alpenpanoramastraße der Region, in der ich geboren wurde und aufgewachsen bin“.
Auf zwei Semester Malerei folgte ein Grafik-Design-Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, dann ein Aufbaustudium der Illustration an der Parsons School of Art in New York.
Im Anschluss war er einige Jahre lang als freiberuflicher Grafik-Designer und Illustrator tätig, unter anderem für Zeitschriftenredaktionen, Zeitungs- und Buch- und Spieleverlage, Werbeagenturen und Industrie-Unternehmen (z. B. Faber-Castell, Schwan Stabilo). Außerdem entwarf er für namhafte Marken Glas- und Porzellan-Dekore, Papeterie-Designs und Tapeten.
Nach einigen Jahren entdeckte er schließlich die Zeichnung wieder, ganz besonders in Form des Urban Sketching: Nun vergeht „kein Tag ohne Skizze“. Heute gibt er seine Begeisterung für das Zeichnen in Workshops an Anfänger und fortgeschrittene Zeichner weiter.

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Zeichnen aus Leidenschaft

Die Kraft der Zeichnung und die ungeheure Motivation, die Stift und Farbe bringen können, wurden Hans-Christian Sanladerer in einer schwierigen Lebensphase bewusst. Das regelmäßige Skizzieren, in Form des Urban Sketchings, ist für ihn seither unverzichtbare, tägliche Motivation. Er verlässt das Haus deshalb nie ohne Skizzenbuch und Reise-Aquarellkasten. Und er nutzt jede freie Minute, jede kleine Wartezeit zum Zeichnen und Skizzieren.

Vielseitiges Urban Sketching

Heute bewegt er sich hauptsächlich im vielseitigen Bereich des Urban & Rural Sketching. Dabei zeichnet er vor Ort alles, was ihn anspricht.

„Es gibt keine unpassenden Motive. Motive sind überall.“

Je nach Tagesform wirft er schnelle, lockeren Skizze aufs Papier oder arbeitet detaillierter und geordneter. Dabei skizziert er überall: Im Wartezimmer beim Arzt, in der Bahn, an der Haltestelle, gezielt vor schönen Motiven, aber auch ganz spontan, wenn ihn ein unerwartetes Motiv „anspringt“. 

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Keine Angst vor dem weißen Blatt

Die Frage, wie man beginnen soll, treibt viele Künstler um. Hans-Christian Sanladerer überwindet diese „Angst vor dem weißen Blatt“ der ersten Skizzenbuchseite, indem er die erste Seite einfach überspringt. „Kein Skizzenbuch muss chronologisch von vorne nach hinten gefüllt werden.“
Damit trotzdem eine nachvollziehbare Chronologie entsteht, datiert er alle seine Zeichnungen. So kann er auch ohne zeitlich geordnete Abfolge die eigene Entwicklung verfolgen.

Sich überraschen lassen

An Zeichenmaterialien probiert er alles aus, mit dem man in einem Skizzenbuch zeichnen oder malen kann. Auch kombiniert er die verschiedensten Techniken miteinander.

„Natürlich hat jeder irgendwann sein Lieblingsmaterial, mit dem er vorzugsweise skizziert. Deshalb ist das Verlassen dieser Komfortzone so wichtig, um immer wieder Neues auszuprobieren und sich überraschen zu lassen.“

Meist zeichnet er Konturen und setzt ergänzend Aquarellfarbe ein. Diese malt er aber nie von Kontur zu Kontur, sondern lässt genügend weißes Papier stehen, um Licht in die Zeichnung zu bringen. Damit er dabei nicht in Versuchung kommt, zu detailliert zu arbeiten, verwendet er einen Pinsel mindestens in Größe 12.

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Farbe bringt Leben ins Spiel

Je nach Motiv kann es sehr reizvoll sein, sich auf Schwarz und Weiß und alle Grau-Abstufungen dazwischen zu beschränken. Aber Farbe bringt meist Leben ins Spiel, und mit ein paar Tricks lässt sich mancher „Fehler“ in der Zeichnung mit Aquarell leicht kaschieren.
Hans-Christian Sanladerers Lieblingsfarbe ist ein intensives, tiefes Rot (in Kombination mit Schwarz). Aber auch alle Blautöne haben es ihm angetan, vor allem intensives Indigoblau.
Außerdem arbeitet er gerne mit Komplementärkontrasten. Auf diese Weise verstärken sich die kalten und warmen Töne gegenseitig und sorgen gleichzeitig für Spannung wie für optische Harmonie in der Skizze.
Dabei ist eine blaue Fläche bei ihm nie nur blau, eine rote nie nur rot. Er gibt den Farbflächen immer einen Schuss Umgebungsfarbe und, um die Lebendigkeit zu erhöhen, meist auch einen Klecks Komplementärfarbe. Mehr oder weniger gezielt gesetzte Farbspritzer bringen zusätzlich Leben ins Bild.

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Mit Bleistift, Kugelschreiber und Aquarell

Nach vielen Jahren der satirischen Malerei mit Acryl (zum Teil sehr großformatig auf Hartfaserplatten), Cartoons in Gouache und digitalen Illustrationen, arbeitet er heute fast ausschließlich in unterschiedlichsten Skizzenbüchern von A6 bis A3, meist jedoch im eher handlichen Format.
Darin verwendet er alles, was Skizzenbuch-tauglich ist und womit sich zeichnen oder malen lässt: Bleistift, (Aquarell-)Farbstift, Kugelschreiber, Tintenroller (wasserfest und wasserlöslich), Fineliner, Marker, Brushpen, Füller, (Rohr-)Feder, Aquarell.
Kohle und Kreide jedoch verwendet er im Skizzenbuch nicht. Dazu lassen sie sich zu leicht verwischen und sind nur schwer zu fixieren.

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Die eigene Entwicklung im Skizzenbuch

Skizzenbücher findet Hans-Christian Sanladerer in vielerlei Hinsicht sehr praktisch:

    • Es gibt sie in unterschiedlichen Formaten und Ausführungen.
    • Sie sind meist handlich, sodass man gut auch unterwegs zeichnen kann.
    • Die Zeichnungen sind vor Wetter und Licht geschützt. Man kann also auch mit billigen, nicht lichtechten Stiften darin zeichnen, da die Arbeiten kaum Licht abbekommen.

Aber vor allem dokumentieren Skizzenbücher die eigene Entwicklung. Dabei halten sie auch jeden Fehler fest, der auf einem losen Blatt einfach weggeworfen würde. So kann man auch nach Jahren noch aus seinen Fehlern lernen und sich an den eigenen Fortschritten erfreuen. Aus genau diesem Grund verbietet er sich selbst und den Teilnehmern seiner Workshops auch, ein Radiergummi zu verwenden.

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Alles, was lebt

Hans-Christian Sanladerer liebt Menschen. „Misanthropen gibt es schon genug“, meint er. Und so zeichnet er Menschen in all ihren unterschiedlichen Erscheinungsbildern und Physiognomien am liebsten. Aber auch Tiere skizziert er leidenschaftlich gern, am liebsten die eigenen drei Hunde, nebst viertem Gasthund und zwei Katzen.
Grundsätzlich findet er jedes Motiv interessant, solange es sofort etwas in ihm auslöst. Dann kann auch das banalste Motiv zum Objekt der „Skizzier-Begierde“ werden. Selbst wenn er unterwegs ist und gerade nicht zeichnen kann, überlegt er, wie sich die Szene vor ihm zeichnerisch umsetzen ließe: Woher kommt das Licht? Wie verlaufen die Schatten? Und welche Farbe haben sie?

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Überflüssige Perfektion

Perfektion war ihm früher sehr wichtig. Heute bevorzugt er die Leichtigkeit einer lockeren Skizze, die Raum für die Vorstellungskraft des Betrachters lässt.

„Perfektionismus ist der sichere Weg in die Hölle und so überflüssig wie ein Kropf! (…) Denn Perfektionismus ist nur ein Gedankenkonstrukt, im richtigen Leben gibt es nichts Perfektes.“

Das Aquarell, mit dem er seine Zeichnungen gern koloriert, lässt sich nur schwer kontrollieren. Das Prinzip Zufall spielt dabei eine große Rolle.
„Die Aquarelltechnik lehrt einen das Loslassen und dass man nicht alles steuern kann. Das finde ich heute total spannend.“

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Das Ein- und Ausatmen der Seele

„Kunst ist für mich so notwendig wie das Ein- und Ausatmen. Etwas kitschig gesagt: Es ist das Ein- und Ausatmen der Seele. Ohne Kunst würde ich nicht leben, sondern nur existieren.“

Diese absolute Notwendigkeit der Kunst kann man wohl nur nachfühlen, wenn man selbst künstlerisch tätig ist und die Kraft und die Eigendynamik des Gestaltens kennen- und schätzen gelernt hat.
Kunst birgt für Hans-Christian Sanladerer eine ungeheure Kraft. Sein Lebensmotto lautet: „Was ich nicht kann, kann ich lernen“. Und was eignet sich besser, fragt er, seine Neugier auszuleben als die Kunst? Zum Glück gibt es sie schon. Sonst müsste er sie erfinden.

Hans-Christian Sanladerer

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© Christina Diederichs

Hans-Christian Sanladerer liebt es, seine Leidenschaft und seine Begeisterung fürs Zeichnen und Skizzieren an andere weiterzugeben. Er bietet fortlaufende Kurse, deutschlandweit stattfindende Ein-Tages-Workshops in Boesner-Filialen, Live-Online-Workshops oder einwöchige Zeichenreisen im In- und Ausland an.

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