Die Farben des Sommers

„Das urtümliche Wesen der Farbe
ist ein traumhaftes Klingen,
ist Musik gewordenes Licht.“

Johanns Itten

Farben haben abseits aller physikalischen Gesetzmäßigkeiten mit Gefühlen und Empfindungen zu tun. Denn jeder Mensch empfindet schon allein aus seiner kulturellen Prägung heraus Farbe anders. Wir alle ordnen ganz automatisch Farben bestimmten Stimmungslagen zu.

Farben und Gefühle

Diese Zuordnungen haben sich sogar in unserem Sprachschatz niedergeschlagen. „Jemand sieht Rot“ lässt auf einen eher unausgeglichen Gemütszustand schließen. Denn Rot ist nicht nur die Farbe der Liebe, sondern auch die der Leidenschaft. Aus diesem Grund steht Rot ebenso für Aggression und Wut. „Grün ist die Hoffnung“ und die Farbe des Neubeginns. Daher ist jemand auch noch „grün hinter den Ohren“. Man wird „Gelb vor Neid“ und man „sieht auch mal Schwarz“. Farben sind eben auch immer eine Projektionsfläche für den Betrachter. Farben wecken bei uns Gefühle und Assoziationen.

Die Farben des Sommers Sonnenblume
Sonnenblumen sind der Inbegriff des Sommers (Foto: Oliver Brendel).

Die Farbklänge der Jahreszeiten

Jeder Mensch hat Lieblingsfarben und so auch jeder Künstler. Sie spiegeln sich in seiner bevorzugten Farbpalette wieder und ein Blick auf die Malpaletten oder Aquarellkästen gibt hierüber rasch Aufschluss. 

„Es gibt Maler, die machen aus der Sonne einen gelben Fleck, aber es gibt andere, die dank ihrer Kunst und Intelligenz einen gelben Fleck in eine Sonne verwandeln.“

Pablo Picasso

Es gibt Farben, die sind sogar im wahrsten Sinne des Wortes everybody’s darling. Erst kürzlich erzählte mir eine befreundete Künstlerin, dass in ihren Kursen die Farbe Türkis wirklich jeder Teilnehmer mag und sie diese ständig nachkaufen muss.
Wir alle ordnen jeder Jahreszeit auch bestimmte Farben zu. Im Frühling zum Beispiel sind es die frischen Grüntöne, die uns begeistern. Grün ist die Farbe des Neubeginns und des Wachsens. Maigrün eben. Die Herkunft des Wortes Grün liegt im indogermanischen Begriff ghro und dieses steht für gedeihen, leben und wachsen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Grün in vielen Kulturen auch als heilige Farbe gilt. Und ist man erst einmal in der Wüste gewesen, versteht man sofort, warum die Farbe Grün im Islam so eine herausragende Bedeutung hat. 

Grüner Park
Frisches Grün im Park (Foto: Tina Bungeroth)

Mit den Frühlingsmonaten in unseren Breitengraden verbinden wir auch die sanften Pastelltöne, die sich in der Natur zeigen. Im zarten Rosa der Magnolienbäume etwa oder in den pudrigen Farben der Hyazinthen begegnet uns die Natur nach der farblosen Zeit der Winterruhe wieder farbig. Und wir reagieren entsprechend emotional.

Sonnengelb und Sternennacht

Farben hängen auch ganz stark von dem Spiel von Licht und Schatten ab. Gelb beispielsweise ist die lichtvollste aller Farben und neben den Weißtönen auch die hellste. Und es ist eine der ältesten Farben überhaupt, denn gelben Ocker benutzten schon die alten Ägypter. Gelb hat die größte Fernwirkung und wird bereits von Weitem wahrgenommen.
Mit dem Sommer verbinde ich vorrangig die strahlenden Gelb- und Orangetöne als die Farben der Sonne. Obwohl das Sonnenlicht eigentlich weiß ist, empfinden wir es als gelb.

Als Sommerfarbe kommt mir zudem in Verbindung mit den Gelb-Orangetönen das komplementäre Blau als die Farbe des Himmels und des Meeres in den Sinn. Blau liegt dem Orangeton auf dem Farbkreis diametral gegenüber und beide Farben steigern einander in ihrer Farbwirkung und Leuchtkraft.

Die Farben des Sommers: Karibikblau
Die Farben des Sommers: Karibikblau (Foto: Oliver Brendel)

Letzteres kann man immer dann schön beobachten, wenn man einen Sonnenuntergang betrachtet. Die orangerote Sonne leuchtet vor ihrer nachtblauen Umgebung ganz besonders intensiv. Und genauso wird sich auch der Künstler diese sich wechselseitig verstärkende Wirkung zu Nutze machen.

Die Farbe des Sommers: Strand bei Sonnenuntergang
Strand bei Sonnenuntergang (Foto: Britta Sopp)

In seinem Bild „Die Sternennacht“ setzt Vincent van Gogh ganz klar auf Komplementärfarben und den Hell-Dunkel-Kontrast, um die tiefschwarze Nacht mit ihren leuchtenden Sternenhimmel darzustellen.

van Gogh, Sternennacht
Vincent van Gogh, "Sternennacht" (Foto: Wikimedia.commons)

Gelbe Farbwelt

Gelb erscheint uns zuerst einmal als positive und heiter-luftige Farbe. Schon Goethe bemerkte hierzu treffend in seiner Farbenlehre:
„Sie führt in ihrer höchsten Reinheit immer die Natur des Hellen mit sich und besitzt eine heitere, muntere, sanft reizende Eigenschaft (…). So ist es der Erfahrung gemäß, dass das Gelb einen durchaus warmen und behaglichen Eindruck mache. Daher es auch in der Malerei der beleuchteten und wirksamen Seite zukommt.“ 
Doch Gelb kann auch durchaus andere Seiten aufziehen. Wie keine andere Farbe kann es nämlich durch Beimischungen anderer Farben in seiner Aussage verändert werden. Und Gelb kann auch am leichtesten auf der Farbpalette oder im Aquarellkasten verunreinigt und eingetrübt werden. Damit kommt der Farbe dann auch ihre Leuchtkraft leicht abhanden. Ein warmer Gelbton durch die Beimischung mit Rot wird auf uns immer positiv wirken. Hingegen kann ein Grüngelb sehr schnell ins Negative abgleiten. Und die negative Bedeutung von Gelb als Farbe der Ausgrenzung zeigte sich leider bereits im Mittelalter und setzte sich im 20. Jahrhundert unter den Nationalsozialisten als gelber Davidstern fort.

Die Farbe des Sommers
Sommerfarben im Garten (Foto: Tina Bungeroth)

Die Farbe in uns

„Farbe existiert nicht für sich,
nicht ‚draußen‘ in der Welt,
sondern in uns.“

Piet Mondrian

Künstler haben die Farbe an sich immer wieder in das Zentrum ihres Schaffens gesetzt. Und insbesondere Vincent van Gogh widmete sich den Gelb- und Orangetönen und setzte sie in seinen Werken ein.
Die Farbklänge eines Bildes sind das Erste, was man bei der Bildbetrachtung unmittelbar aufnimmt. Jede Farbe, jeder Farbkontrast und jede Farbharmonie lösen Gefühle und Assoziationen beim Betrachten aus. Die Farben des Sommers stehen für mich für Klarheit, Leuchtkraft, Unbeschwertheit und Licht. Und ich möchte mit Paul Klee schließen, der lichtdurchflutet auf seiner Tunisreise über die Macht der Farbe schrieb:

„ … die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das … . Ich und die Farbe sind eins.“

Paul Klee

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