Die Farbe des Herbstes – Rot!

Seit ich denken kann bin ich ein Herbstmensch. Zu keiner Zeit ist der Himmel blauer und zu keiner Zeit empfinde ich die Rot-und Gelbtöne der Natur – die Herbstfarben – als intensiver leuchtend. Den Herbst kann man riechen – der schwere erdige Duft der Wälder vermischt sich mit Pilzaromen und dem Duft nach Kaminholz. Ich mag den Wind und den wolkengepeitschten Herbsthimmel. Und den heißen Tee nach einem Herbstspaziergang.

Herbstfarben: Indian Summer Apfelbaum (Foto: © Robert Süess)
„Indian Summer", Apfelbaum im Herbst: Die Komplementärfarbe zu Rot ist Grün. Im Zusammenspiel leuchten die Rottöne daher am intensivsten. (Foto: © Robert Süess)

Herbstleuchten – die Magie der Herbstfarben

Aber vor allem anderen mag ich, dass die Welt da draußen in ein warmes, goldenes Licht getaucht ist. Für ganz viele Menschen ist der Herbst so auch die bunteste Jahreszeit. 
Farbenfroh mit leichtem morbiden Einschlägen – auf diese Art stellt der Herbst für Kunstschaffende, für Maler und Dichter einfach aus sich heraus schon immer eine Quelle der Inspiration dar.

„Weit gerückt in unbewegter Ruhe 
steht der Wald wie eine rote Stadt.
Und des Herbstes goldene Flaggen hängen
von den höchsten Türmen schwer und matt.“

„Der Herbst“, Georg Heym (1887 – 1912)

Herbstfarben: Baum mit gelbem Herbstlaub (Foto: © Britta Sopp).
Das farbige Herbstlaub hebt sich in leuchtenden Farben vor dem intensiven Blau des Himmels ab (Foto: © Britta Sopp).

Die Kraft der Herbsttöne  

Der Herbst zieht ab Oktober in unseren Breitengraden „seinen roten Faden“ durch die Landschaft und bietet damit unseren Augen noch einmal die elementarste Farbe des Lebens, bevor die Natur sich in die Winterpause begibt. 
Mag sein, dass auch darin der Grund dafür liegt, warum das Auge in diesen Herbsttönen so schwelgt.  Schon die reine Wahrnehmung der Farbe soll den menschlichen Stoffwechsel  um mehrere Prozent erhöhen. Nicht von ungefähr ist in den kühlen Klimaregionen unserer Erde Rot durchweg positiv besetzt. Denn Rot ist auch eine ambivalente Farbe.  Es steht für Wärme, Energie und Leidenschaft, aber eben auch für Wut, Wille, Aggression und Gefahr.

„Rot, die Materie, brutal und schwer,
und stets die Farbe,
die von den anderen (Farben)
bekämpft und überwunden werden muss!“

Franz Marc in einem Brief an August Macke vom 12.12.1910

Brigitte Waldschmidt, "Herbst 3", Acryl auf Leinwand (Foto: © Brigitte Waldschmidt)
Brigitte Waldschmidt, "Herbstfeuer". Rot ist die intensivste Farbe mit der stärksten Präsenz und Wirkung. (Werk und Foto: © Brigitte Waldschmidt)

Von Kirchenfürsten, Färberröte und Anilinfarben

Nicht von ungefähr ist Rot deshalb auch die Farbe der Macht. Zumal seine Herstellung sehr aufwendig war. Das aus den Säften der Purpurschnecke gewonnene Purpurrot war als Kleiderfarbe nur den Königen und Kardinälen vorbehalten. Andere Rottöne wie etwa das Scharlachrot wurden seit der Antike aus der Kermesschildlaus gewonnen.  In der sogenannten „Coleurfärberei“ für Stoffe setzten sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts dann die Teerfarben durch. 1856 wurde von dem Engländer W. H. Perkin der erste Anilinfarbstoff  „anilin purple“  entdeckt, zwei Jahre später stellte eine Lyoner Firma bereits die rote Anilinfarbe „Fuchsine“ her. Die Entdeckung weiterer Anilinfarben folgte nun in rascher Folge.  Wuppertal etwa, meine Heimatstadt, wurde bereits in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts zum Hauptsitz der Anilinfarbenerzeugung. Denn mit dem künstlich hergestellten Alizarin stand den Färbereien des Wuppertals nunmehr ein naturidentischer Farbstoff zur Verfügung.  Dieser hatte gegenüber dem Naturprodukt des Krappfarbstoffs, auch Färberröte genannt, den Vorteil, in gleichförmig reiner Qualität produziert werden zu können.

Brigitte Waldschmidt, "Herbst 2", Acryl auf Leinwand (Foto: © Brigitte Waldschmidt)
Brigitte Waldschmidt, "Herbst 2", Acryl auf Mal-Board (Werk und Foto: © Brigitte Waldschmidt)

Das Rot der Künstler

Die alten Meister verwendeten Rottöne entsprechend der ihnen zugeschrieben Bedeutung für die Darstellung weltlicher wie kirchlicher Macht, aber auch für Abgründiges und Unheilvolles. Die Werke von Hieronymus Bosch (1415 – 1516) sind sicherlich ein schönes Beispiel hierfür, mir fallen jedenfalls gleich mehrere seiner Höllenfeuer ein.
Im 19. Jahrhundert gaben die Künstler dem Rot schließlich eine neue und differenzierte Bedeutung.   So malte etwa der Künstler Paul Gauguin in seinem Werk „Vision nach der Predigt“  den Hintergrund in einem leuchtenden Rot. Er gab mit der mutigen Verwendung der reinen Farbe bewusst die originalgetreue Darstellung der Landschaft auf. Das Rot seiner unnatürlichen Landschaft dokumentiert vielmehr, dass sie allein in den Köpfen der dargestellten Protagonisten stattfindet.

Claude_Monet, Impression, Soleil levant (1872), Musée Marmottan Monet, Paris (wikimedia commons).

Und Claude Monet schuf mit seiner Momentaufnahmen eines Seestücks, der „Impression, Soleil levant“,  1872 ein Werk, das einer ganzen Stilrichtung ihren Namen geben sollte.  Die intensiv- orangerote Spiegelung über dem Wasser stellt den Sonnenaufgang im Hafen von Le Havre in atmosphärischer Dichte dar. Es ist die Impression eines Sonnenaufgangs und nicht die wirklichkeitsgetreue Darstellung des Hafenbeckens, weshalb Monet sein Werk auch genauso nannte.  Das Werk wäre ohne den unorthodoxen Einsatz der Rottöne unvorstellbar. 

Raumgreifendes Rot

Wird Rot im Bild als Farbton eingesetzt, ist sie die Farbe mit der stärksten Präsenz. Mit ihrer Signalwirkung drängt sie daher leicht andere Farben in den Hintergrund. Ihr Einsatz und ihre aktive Wirkung wollen wohlüberlegt sein. 
Als sogenannter „warmer“ Farbton lässt sich Rot durch Mischen in seinem Farbspektrum von warm bis kalt variieren. Die Spannweite von Rottönen reicht dabei von hellen, warmen Orangerot bis hin zu einem sanft-matten dunklen Krapprot.

Brigitte Waldschmidt, "Herbst 1", Acryl auf Leinwand (Foto: © Brigitte Waldschmidt)
Brigitte Waldschmidt, "Rot". Das Farbspektrum von Rot kann durch Mischen von warm bis kalt reichen. (Werk und Foto: © Brigitte Waldschmidt)

Die Eigenhelligkeit der Farbe Rot liegt im mittleren Bereich. Aus diesem Grund lassen sich sowohl mit Weiß als auch mit Schwarz viele Abstufungen von Rot erzielen. Neben Blau und Gelb gehört Rot zu den Primärfarben, seine Komplementärfarbe ist Grün. 
Im Herbst empfinde ich das raumgreifende Wesen von Rot durchweg als energievoll und wärmend. Auch an neblig-trüben Tagen leuchtet einem das Rot und Gelb der Natur entgegen.

Herbstfarben: Roter japan. Ahorn (Foto: © Britta Sopp).
Das rote Herbstlaub kann sich auch an neblig-trüben Tagen behaupten (Foto: © Britta Sopp).

Rot ist eben auch „irdischer Lebensstoff“ pur, wie es Ernst Jünger schon formulierte:

„Rot ist unser irdischer Lebensstoff.
Wir sind ganz und gar ausgekleidet von ihm … .
Sie ist die Farbe der reinen Gegenwart;
unter ihrem Zeichen verständigen wir uns
auf sprachlose Art.“

Ernst Jünger

Zeit, einmal wieder durch die heimischen Wälder zu streifen  – für eine sprachlose Verständigung im Einklang mit der Natur!

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