Aquarellfarben 2: Aquarell – Die Techniken

Wesentlich für den Umgang mit Aquarellfarbe ist ganz sicher das Wissen um die grundlegenden Maltechniken. Sie sind die Voraussetzung dafür, um frei und kreativ arbeiten zu können. Daher bilden sie auch die Grundlage für die Entwicklung eines eigenen Stils. Aquarellmalerei ist dann im besten Fall beides – Wagnis der Kreativität und Technik!

Kontrolle und Zufall

Wenn ich eines in den Ateliers der verschiedensten Aquarellkünstler gelernt habe, dann das, dass die Aquarellfarbe nur teilweise steuerbar ist und der Zufall eine oft nicht unerhebliche Rolle spielt. Aber um abschätzen zu können, wann man die Komposition gezielt beeinflussen kann und wann man die Kontrolle aufgibt und den freien Farbverlauf besser zulässt, muss man die Technik von Grund auf erlernen.

Kreative Energie Zeichnung Aquarell
Gris, "Kreativität", Zeichnung und Aquarell. Der Zeichner und Urban Sketcher Gris liebt es, seine Skizzen mit Aquarell zu kolorieren. (© Gris, www.gris030.de)

Keine Fehlertoleranz

Schnelle Erfolge, wie man sie von anderen Techniken durchaus gewohnt ist, darf man von der Aquarellmalerei nicht erwarten. Fehler verzeiht sie nämlich eher nicht. So ist, anders als bei der Acryl- oder Ölmalerei, das Übermalen keine Option. Und jeder Farbauftrag, auch helle Farblasuren übereinander, potenzieren sich und addieren sich zu einem dunkleren Ton. Auswaschungen von Farbe sind zwar im Nachhinein möglich. Viele Pigmente lassen sich aber nicht rückstandslos wieder auswaschen und bleiben als Schatten auf dem Papier stehen.
Dafür beinhaltet die Aquarellmalerei aber auch ein großartiges Potential an Ausdrucksmöglichkeiten. Für mich ist die Aquarellmalerei die Technik der Freigeister!

Mehr Papierweiß, mehr Licht

Beim Aquarell ist das Ausgelassene mindestens genauso wichtig wie das Abgebildete. Die gestalterische Entscheidung für die Weißräume im Bild sind genauso Bild bestimmend wie die farbig ausgeführten Bildbereiche. Der hellste Ton im Werk ist das Papierweiß, und dieser Ton lässt sich als Bildelement ganz konkret nutzen. Er stellt nämlich das Licht im Motiv dar. Es sind daher vorrangig die Schattenflächen, mit denen der Aquarellmaler sein Motiv formt, indem er lasierend oder lavierend Dunkelheiten setzt und auf diese Weise sein Motiv plastisch herausarbeitet.

Fikisz, Küstenlandschaft Aquarell
Wilhelm Fikisz, "Küstenlandschaft bei Fort William, Schottland", Aquarell 56 x 76 cm. Bei diesem Werk lässt sich deutlich erkennen, wie wichtig die Weißaussparungen in den Hügeln sind, denn die rosaroten Hügel sind die zentralen Kompositionspunkte des Motivs. Unterstrichen werden die Lichtmomente im Bild noch durch die Dunkelheiten der Gesteinsformation im Vordergrund.

Lasieren – Schichtarbeit

Bei der Lasur handelt es sich um das schichtweise Übereinanderlegen von Farbpigmenten. Eine Farbschicht wird hierbei über die nächste gelegt. Die Farbschichten überlagern sich bei der Aquarellmalerei nicht deckend, die untere Farbe scheint immer hindurch und bleibt sichtbar.

Nach dem Trocknen der ersten Farbschicht kann dann eine weitere transparente Schicht im gleichen Farbton aufgetragen werden. Dabei wird die darunter liegende Farbschicht in ihrer Leuchtkraft verstärkt. Die farbigen Lasuren addieren sich zu einem satteren, intensiveren Ton.
Durch die Lasurtechnik kann der Aquarellmaler ein Motiv mit einer Farbe allein dadurch plastisch herausarbeiten, dass er an den dunkelsten Motivstellen weitere Lasurschichten aufträgt. Dafür muss der vorangegangene Farbauftrag unbedingt vollständig getrocknet sein, bevor man einen erneuten Auftrag vornimmt. Ansonsten vermischen sich die Farbaufträge und verlieren an Leuchtkraft.

Wählt der Künstler für seine Farblasuren nicht nur einen Farbton, sondern verschiedene Farben, so entstehen auf dem Papier Farbmischungen und optisch neue Farben. Diesen Umstand gilt es bei der Lasurtechnik immer zu bedenken, wenn man mit verschiedenen Farbtönen arbeitet. Das Mischen der Farbe findet also nicht allein im Farbkasten oder auf der Palette statt, sondern kontrolliert auch direkt auf dem Papier. Mit der Lasur setzt der Maler scharf begrenzte Flächen und akzentuiert seine Komposition.

Aquarellfarbkasten mit Grün- und Blautönen Schmincke Horadam Aquarell
Aquarellfarbkasten mit Grün- und Blautönen (© Schmincke Künstlerfarben)

Lavieren – Wasser marsch!

Der Begriff „Lavieren“ leitet sich von dem französischen „laver“ ab, was soviel wie „waschen, verwaschen“ bedeutet. Beim Lavieren kommt das namensgebende Aqua der Aquarellfarbe so richtig zum Einsatz. Bei der Lavur handelt es sich um eine Verlaufstechnik. Durch gleichmäßiges Lavieren lässt sich ein sehr einheitlicher Farbauftrag erzielen. Diese Technik wird häufig für den ersten Farbauftrag bei der Bildanlage gewählt.

Farbverlauf

Auch den Übergang von einem kräftigen Farbauftrag hin zu helleren Tonstufen, einen sogenannten Farbverlauf, erzielt man lavierend durch die Hinzunahme von sehr viel Wasser. Doch anders als beim kontrollierten Lasieren – also dem schichtweise vorgenommenen Farbauftrag auf zuvor getrockneten Farbschichten – fließt bei der Lavur die flüssige Farbe willkürlicher.

Der Zauber der Unregelmäßigkeit

Die Farbe sucht sich auf dem Papier je nach Oberflächenstruktur ihren eigenen Weg. Pigmente sammeln sich in Pfützen, trocknen wolkig-unregelmäßig auf oder laufen auseinander. Die Verlaufstechnik entfaltet genau deshalb auch einen ganz eigenen Zauber. Der Aquarellmaler erreicht durch die Lavur eine Lebendigkeit im Ausdruck, wie er sie gesteuert nur schwer erzielen könnte. Setzt man unterschiedliche Farbtöne in seinem Bild ein, so entstehen durch die Verlaufstechnik neue Zwischentöne und interessante Übergänge, wenn die feuchten Farben im Bild aufeinandertreffen. Auf diese Weise kann der Maler die unterschiedlichen Farbtöne gekonnt miteinander verweben.

Das Verhältnis macht’s

Doch so schön die Verlaufstechnik der Lavur im Aquarell ist, so gelernt will diese Technik sein. Das richtige Mengenverhältnis von Wasser und Farbe ist hierbei genauso entscheidend wie ein gewisser Erfahrungshintergrund über das Fließverhalten der Farben auf dem Papier. Das Gefühl hierfür entwickelt man durch die Praxis und durch engagierte Wiederholung. Kreativität wächst eben auch immer mit dem eigenen Tun.

Brigitte Waldschmidt, Freie Arbeit in Blautönen Aquarell
Brigitte Waldschmidt, "Freie Arbeit in Aquarelltechnik". Auch dieses floral anmutende, frei interpretierte Werk mit flüssigen Acrylfarben ist insofern ein Aquarell, als eine Nass-in-Nass-Technik mit viel Wasser zum Einsatz kam. Ein innovatives Aquarell, welches die neuen Möglichkeiten auch hinsichtlich des Untergrundes ausnutzt. Das verwendete Ampersand Claybord besitzt eine ganz glatte Oberfläche, auf der man mit ölfreier Stahlwolle radieren und mit entsprechenden Werkzeugen Linien und Texturen gravieren kann.

Nass in Nass

Die Nass-in-Nass-Technik ist ebenfalls eine Verlaufstechnik. Bei ihr setzt man Farbe in eine noch feuchte Farbfläche oder direkt auf das mit Wasser befeuchtete Papier, eben nass in nass. Bedingt durch den feuchten Untergrund verläuft die aufgetragene Farbe weich und wolkig. Mit einem trockenen Pinsel oder einem Papiertaschentuch kann die Farbe auch wieder vom Papier abgenommen werden. Auf diese Weise entstehen beispielsweise Wolken. Die Nass-in-Nass-Technik wird daher insbesondere für die atmosphärische Darstellung von Luft, Wolken und Wasser herangezogen. Und sehr gerne verwendet man sie für einen ersten atmosphärischen Farbauftrag bei der Bildanlage. Nach dem Trocknen lässt sich dann durch Lasuren das Motiv weiter konkretisieren und akzentuieren.

Bodo Meier Dampflok Aquarell
Bodo Meier, "Dampflok", Aquarell 28 x 40. Bei diesem Motiv wird deutlich, dass das Ausgelassene genauso wichtig ist wie das Abgebildete. Die gestalterische Entscheidung für die Weißräume im Bild ist bildbestimmend und vermittelt den Eindruck einer Winterlandschaft. Wichtiges Gestaltungselement ist das Negativ-Malen. Dabei werden die hellen Stellen ausgespart und die dunkleren Bereiche werden als Kontrast dazwischengesetzt, so dass der Eindruck von schneebedeckten Ästen entsteht. In die dunklen Stellen können dunklere Farbpartien gesetzt werden. Der Künstler hat nur wenig Rubbelkrepp für die Lichter der Lok und für den Schnee auf einigen Stämmen verwendet. Einige wenige Äste im Hintergrund sowie der Dampf der Lok wurden zudem mit Deckweiß gemalt.

Granulieren, Sprenkeln, Klecksen und Tupfen

Neben den Haupttechniken der Lasur und der Lavur gibt es noch eine Vielzahl weiterer Möglichkeiten, die Aquarellfarbe zu Papier zu bringen. Je mehr Routine man dabei im Umgang mit der Farbe entwickelt, desto freier und lockerer gehen einem diese Techniken von der Hand.

Granulieren

Beim Granulieren wird die Farbe mit möglichst wenig Wasser, also fast trocken, aufgetragen. Dadurch bleiben die Farbpigment an den Erhebungen des Aquarellpapiers haften. Die Vertiefungen bleiben frei. So entsteht ein körniger, durchbrochener Effekt, der sich gut für die Darstellung natürlicher, unregelmäßiger Oberflächen wie etwa Baumrinde eignet.

Sprenkel und Spritzer

Sprenkel, Farbspritzer und Kleckse beleben, richtig eingesetzt, ein Werk maßgeblich. Auch mit ihnen erzielt man interessante raue Oberflächenstrukturen. Je nach Pinselwahl fallen Spritzer und Sprenkel unterschiedlich aus. Wählt man einen Rundpinsel, Farbe und viel Wasser, erzielt man größere und weich verlaufende Farbkleckse durch leichtes Stippen auf dem Pinselstil. Blattwerk von Bäumen und Sträuchern lässt sich auf diese Weise lebendig wiedergeben.
Mit einem Borstenpinsel erzielt man feinere Sprenkelpunkte, indem man mit dem Finger von unten nach oben über die Borstenenden des feuchten Pinsels fährt.
Für die Darstellung von Sand und feinen Steinstrukturen eigenen sich diese feinen Sprenkel ganz besonders gut.

Die Größe der Farbsprenkel ist proportional zur Länge der Pinselborsten: Je kürzer die Borsten, desto kleiner die Sprenkel!

Wilhelm Fikisz, Olivenbäume auf Mallorca Aquarell
Wilhelm Fikisz, "Olivenbäume auf Mallorca", Aquarell 57 x 76 cm. Auch bei diesem Bild ist der hell ausgesparte Weg ein entscheidendes Kompositionsmerkmal, denn er führt den Betrachter durch das Bild. Sehr schön lässt sich erkennen, wie die vom Künstler eingesetzten Farbsprenkel und Kleckse das Blattwerk dynamisch wiedergeben und zu einer lebendig anmutenden Gestaltungsform führen.

Tropfen und Tupfen

Tropft man mit dem Rundpinsel nur einen einzelnen großen Tropfen auf das Papier, so kann man dessen Fließverhalten und -richtung übrigens durch leichtes Pusten etwa mit einem Strohhalm gezielt steuern. Oft verleiht so ein einzelner Tropfen einem Werk erst den ganz besonderen „Kick“ und Schwung, wie etwa der rote Tropfen in dem Werk „Olivenbäume auf Mallorca“ von Wilhelm Fikisz.
Eine ebenfalls sehr oft angewandte Technik, um vegetative Strukturen wiederzugeben, ist die Technik des Tupfens. Die Aquarellfarbe kann mit Schwämmchen (schön ist ein Naturschwamm), Stofftüchern oder einfachem Küchenkrepppapier aufgenommen und anschließend aufgetupft werden. Insbesondere Blütendolden lassen sich hierdurch sehr schön wiedergeben.

Aussparung

Die Technik des Aussparens hingegen steht im engen Zusammenhang mit dem Licht im Bild. Wie bereits oben beschrieben ist das Papierweiß der hellste Ton im Bild. Die gestalterische Entscheidung für die Weißräume im Bild ist gleichbedeutend mit der gestalterischen Entscheidung für die Lichtreflexe im Bild. Sie will daher im Vorhinein bedacht und eingeplant sein, denn das Weiß im Aquarell wird nicht gemalt, sondern ausgespart. Genau darin liegt auch die größte Herausforderung der Aquarellmalerei überhaupt: Vor dem eigentlichen Malprozess muss man sich bereits über den Bildaufbau im Klaren sein.

Schablonen und Masken

Um größere Flächen aussparen zu können, haben sich Aquarellkünstler schon immer der Technik des Abdeckens und Aussparens bedient. So kann man sich Schablonen aus Papier anfertigen und die Farbe darumherum sprenkeln oder auch sprühen. Solche Schablonen oder Masken kann man auch aus Kreppband anfertigen, wenn nur kleine Abdeckungen von Nöten sind. Sie haben den Vorteil, dass sie sich gut fixieren lassen.

Bodo Meier, Auffliegende Schwäne Aquarell
Bodo Meier, "Auffliegende Schwäne", Aquarell 40 x 50 cm. Dieses Werk ist ein gutes Beispiel für den freien Verlauf der Farben und für kontrollierte Nass-Techniken. Die Aquarellfarbe wird für die Darstellung von Luft und Wasser stark verdünnt aufgetragene und trocknet wolkig auf. Auch hier sind die ausgesparten Weißräume bildbestimmend und für die Darstellung der weißen Schwäne unerlässlich. Für das aufspritzende Wasser hat der Künstler Rubbelkrepp verwendet, das er auf das Wasser unterhalb der Tierkörper aufgespritzt hat. Mit einem nassen Schwamm werden einige Farbpartien ausgewaschen. Die orangeroten Schnäbel bilden in dem monochromen Bild einen schönen Kontrast.

Maskiermittel Rubbelkrepp

Seit einigen Jahre bietet der Fachhandel ein flüssiges Maskiermittel an, das sich mit dem Pinsel austragen lässt. Man lässt das sogenannte Rubbelkrepp trocknen und kann danach Farbaufträge vornehmen. Die zuvor maskierten Bildteile bleiben vor der Farbe geschützt, und nach dem Trocknen des Farbauftrags lässt sich das trockene Maskiermittel rückstandslos entfernen. Es wird einfach wieder abgerubbelt und die ausgesparte Fläche kann weiter bemalt werden.

Gris Urban Sketching Straßenecke
Gris, "Straßenecke in Perugia", Urban Sketching mit Aquarell koloriert. Farbe ist dem Künstler Gris auch beim Zeichnen wichtig. Dementsprechend farbig gestalten sich die Seiten in seinem Skizzenbuch und der Aquarellkasten ist sein ständiger Begleiter. In seinen Werken verbindet Gris daher Zeichnung und Aquarell und hält den Augenblick mit lockerem Strich in seinem zeichnerischen Tagebuch fest. (© Gris, www.gris030.de)

Die freie Maltechnik

Häufig kommen verschiedenen Techniken in einem Aquarellbild zum Einsatz, um das gewünschte malerische Ergebnis zu erzielen.
Alle Techniken zusammen können die Aquarellmalerei zu dem machen, was sie eigentlich ist und schon immer wahr: eine Technik für Individualisten. Da sie mit so wenig an Material auskommt, passt sie auch bestens in unsere heutige mobile Welt hinein. In Kombination mit Urban Sketching werden die Aquarellfarben zudem auch von jüngeren Künstlerinnen und Künstlern bereits seit geraumer Zeit wiederentdeckt. Man hat einfach ihr enormes Gestaltungspotential als freie Maltechnik erkannt und neu bewertet.

Vielen Dank
an die Künstler!

Wilhelm Fikisz
www.fikisz.com

Gris
www.gris030.de

Bodo Meier
www.bodo-meier.de

Brigitte Waldschmidt
brigitte-waldschmidt.de

Lies auch:

bemalte Keilrahmen

Atelier-Wissen: Acrylfarben 3

Malgründe und Grundierungen

Eine Antwort auf „Aquarellfarben 2: Aquarell – Die Techniken“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hiermit akzeptierst du die Datenschutzbedingungen (DSGVO).

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.